Die Energiewirtschaft glaubt nicht, dass die derzeit bereitstehenden Alternativen den Kohle- und Kernenergieausstieg ausgleichen. Ein Ausbleiben von Sonne und Wind würde zu Engpässen bei der Energieerzeugung durch Windräder und Solarzellen führen.

Die Zahl der Kraftwerke, die als Folge von Energiewende und Atomausstieg ausschließlich für den Notfall bereitgehalten werden müssen, steigt in den nächsten Jahren erneut auf Rekordwerte. „Es gibt nach wie vor einen Bedarf an Netzreserve, um das deutsche Stromnetz in kritischen Situationen stabil zu halten“, kommentierte Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur, die neueste Prognose. „Das macht die Bedeutung eines zügigen Netzausbaus deutlich.“

Laut der Bonner Behörde steigt der Bedarf an Reservekraftwerken bis zum Winter 2022/2023 auf den Rekordwert von 10.647 Megawatt. Damit muss eine Erzeugungskapazität, die umgerechnet der von zehn Atomkraftwerken entspricht, nur zum Zwecke der Stromnetzstabilisierung in Betrieb gehalten werden.

Zwar hatte es im Winter 2017/2018 einen noch höheren Reservebedarf von 11.400 Megawatt gegeben: Damals war allerdings auch noch Österreich Teil einer gemeinsamen Netzzone mit Deutschland. Durch den vom europäischen Netzbetreiberverband verfügten Hinauswurf Österreichs aus dem gemeinsamen Marktgebiet sank der Reservebedarf in Deutschland seither – ein Rückgang, der aber offenbar nur kurzfristig Bestand hat, wie sich jetzt zeigt.

Bei hoher Stromnachfrage und gleichzeitig hoher Erzeugung aus Windkraftanlagen muss das überlastete Netz in der Regel stabilisiert werden. Dann wird die Erzeugungsleistung vor dem Engpass vermindert und gleichzeitig die Erzeugungsleistung hinter dem Engpass erhöht. Das geschieht meist, indem die Stromnetzbetreiber Kraftwerke nördlich der Mainlinie drosseln und Anlagen südlich des Mains hochfahren. Die Kosten dieses Re-Dispatch genannten Markteingriffs werden auf die Stromrechnungen der Verbraucher abgewälzt.
 
In 27 Fällen hat Netzagentur Abschaltung untersagt

In der Regel greifen Netzbetreiber wie Amprion oder Tennet dabei auf Kraftwerke zu, die am normalen Strommarkt teilnehmen. In manchen Situationen reichen diese jedoch als Re-Dispatch-Kapazitäten nicht aus. Dann müssen Kraftwerke aus der eigens vorgehaltenen Netzreserve einspringen.

Diese Netzreserve besteht aus Kraftwerken, die von ihren Betreibern aus Wirtschaftlichkeitsgründen eigentlich stillgelegt werden sollten. Die Bundesnetzagentur kann die Stilllegung jedoch untersagen, wenn die Anlagen für den Betrieb des Stromnetzes unverzichtbar sind. Die Turbinen müssen dann gegen eine reine Kostenentschädigung ständig in Betriebsbereitschaft gehalten werden.

Bislang haben Energiekonzerne 110 Kraftwerksblöcke mit einer Kapazität von 22.000 Megawatt zur Stilllegung angemeldet. In 27 Fällen hat die Bundesnetzagentur die Abschaltung bereits untersagt. Aus diesem Pool wird auch die Netzreserve für den kommenden Winter gebildet, die von der Regulierungsbehörde mit 5126 Megawatt angegeben wird.

Für den Winter 2022/2023 rechnet die Bundesnetzagentur nun allerdings mit einer Verdopplung des Netzreservebedarfs auf den besagten Rekordwert von 10.647 Megawatt. Denn wenn Ende 2022 das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet wird, vergrößert sich das Gefälle der installierten Stromerzeugungskapazitäten zwischen Nord- und Süddeutschland. Entsprechend häufiger muss mit Re-Dispatch in den Markt eingegriffen werden, um die Überlastung der Leitungen zu vermeiden.

Zudem verlangt eine neue Stromhandelsverordnung der EU, dass die Netzbetreiber mehr grenzüberschreitende Leitungen dem internationalen Stromhandel zur Verfügung stellen müssen. Auch dadurch steigt der Re-Dispatch-Bedarf.

Kurzfristig ausländische Kraftwerke anmieten

Woher die nötigen Reservekraftwerke im Winter 2022 kommen sollen, ist einstweilen noch unklar. Der Bedarf von mehr als zehn Gigawatt übersteigt bei Weitem das, was an inländischen Kraftwerken zu diesem Zeitpunkt der Netzreserve zur Verfügung stehen wird. Womöglich müssen dann erneut ausländische Kraftwerke zur Sicherung des deutschen Stromnetzes angemietet werden.

Die deutschen Stromnetzbetreiber sollen mit der Beschaffung ausländischer Kraftwerkskapazitäten allerdings noch warten, heißt es bei der Bundesnetzagentur. Schließlich sei der tatsächliche Bedarf im Winter 2022/2023 noch mit Unsicherheiten behaftet. Auch wisse man noch nicht, ob der „Aktionsplan Stromnetze“, der aktuell von der Bundesregierung erarbeitet wird, bis dahin das Problem abmildert. „Die Bundesnetzagentur hält daher an der Praxis fest, Netzreserve im Ausland erst zu kontrahieren, wenn die Bedarfsanalyse für den unmittelbar folgenden Winter einen entsprechenden Bedarf ergibt.“
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Offenbar hegt die Bundesnetzagentur keinen Zweifel, dass Kraftwerkskapazitäten in dieser Größenordnung im Ausland auch 2022 noch kurzfristig kontrahiert werden können. Welche Preise dann aufgerufen werden, ist allerdings unsicher: Schließlich werden auch in zahlreichen europäischen Nachbarländern fossile Kraftwerke reihenweise stillgelegt.

„Der Netzreservebedarf von über 10.000 Megawatt in 2022/2023 ist ein deutlicher Weckruf an die Politik“, kommentierte Stefan Kapferer, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Energiewirtschaftsverbandes BDEW, die Prognose. „Wir müssen beim Netzausbau endlich aufs Tempo drücken. Die geplanten Nord-Süd-Verbindungen sind unverzichtbar. Wer meint, auf diese Leitungen verzichten zu können, lügt sich in die Tasche.“

Kohleausstieg noch gar nicht eingepreist

Auch neue Kraftwerke seien angesichts der Prognose dringend nötig, betonte Kapferer: „Was aktuell an Zubau stattfindet, sowohl an erneuerbaren Energien als auch an Gaskraftwerken, kann nicht kompensieren, was an gesicherter Leistung mit dem schrittweisen Kohleausstieg und dem Kernenergieausstieg vom Netz geht.“

Der deutsche Beschluss zum Kohleausstieg hat dabei in die Bedarfsrechnung noch gar nicht Eingang gefunden. So sollen nach den Empfehlungen der sogenannten Kohlekommission zusätzlich zum Atomausstieg bis 2022 Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von 12.500 Megawatt vom Netz genommen werden.

Diese Größenordnung übertrifft für sich allein genommen schon den jetzt prognostizierten Bedarf an Reservekraftwerken. Allerdings weist die Bundesnetzagentur darauf hin, dass die Abschaltung der Kohlemeiler je nach Standort und Eigenschaft sowohl zu einem Anstieg als auch zu einem Absinken des Bedarfs an Netzreserve führen kann.


Quelle: www.welt.de

Netzagentur sieht hohe Kosten für Systemsicherheit

1,4 Milliarden Euro kosteten demnach im vergangenen Jahr Maßnahmen wie Leistungsanpassungen von Kraftwerken und die Vorhaltung von Reservekraftwerken, die über die Netzentgelte auf die Verbraucher umgeschlagen werden. Aktuell sind laut Homann rund 7700 Kilometer neue Stromleitungen in Deutschland geplant. Davon befinden sich 4600 Kilometer in Planungsverfahren und nur 1800 Kilometer sind genehmigt. Von den genehmigten Leitungen wurden laut dem Jahresbericht der Behörde Stand drittes Quartal 2018 nur 950 Kilometer gebaut.

Oft hakt es bei Stromtrassen an Verzögerungen im Planungs- und Genehmigungsprozess sowie am Widerstand der Bevölkerung. Am Freitag tritt das „Gesetz zur Beschleunigung des Energieleitungsausbaus“ in Kraft, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte. Es soll die Verfahren beschleunigen, gleichzeitig aber die Öffentlichkeit weiter einbinden und die Umweltstandards erhalten. Dies ist „ein wichtiger Schritt zur Umsetzung der Energiewende“, erklärte das Ministerium. Homann sagte dazu, er erhoffe sich von der Novelle einen „Beschleunigungsimpuls für die Planungs- und Genehmigungsverfahren“. Von mehr Enteignungen für den Netzausbau, wie sie der Wirtschaftsweise Lars Feld gegenüber WELT vorschlug, hält Homann hingegen wenig. „Enteignungen sind wirklich das allerletzte Mittel“, sagte er. Vielen Grundstückseigentümern gehe es vor allem ums Geld, da fände sich meist eine Lösung. „Ich wünsche mir allerdings, dass öffentlicher Grund etwas großzügiger zur Verfügung gestellt wird.“

Quelle: www.welt.de

An der oberen Grenze des sicheren Netzbetriebs

Genau zwei Wochen nach dem nach wie vor unerklärlichen Frequenzabfall auf 49,8 Hertz die nächste alarmierende Beobachtung. Am 24. Jänner stieg um 6 Uhr Früh die Frequenz auf fast 50,2 Hertz und erreichte damit die obere Grenze (lokal sogar darüber) für den sicheren Netzbetrieb (50,2 Hz). Wir wissen nicht wirklich, was bei einer großflächigen Überschreitung von 50,2 Hertz passieren wird.

Bisher sind keine Hintergründ bekannt. Es ist aber auffallend, dass diese Ereignisse immer im Zusammenhang mit dem Stundenhandel aufgetreten sind. Möglicherweise schaukelt sich hier etwas auf!? In komplexen Systemen gibt es eine Tendenz, dass Verzögerungen in einer Rückkopplung ein System zum Schwingen bringen kann. Das wäre sehr gefährlich, da es damit in weiterer Folge zu einem „Überschießen“ kommt, wofür das europäische Verbundsystem nicht ausgelegt ist!

Analysen von netzfrequenz.info

Eine derart hohe Frequenz wurde von netzfrequenz.info bisher noch nie gemessen. Seine Aufzeichnungen reichen bis Mitte 2011 zurück. Am 13.12.2011 wurde eine Frequenz von ~50,15 Hz als bisheriges Maximum erreicht. 50,14 Hz gab es danach noch zweimal. Die aktuelle Abweichung ist deutlich darüber.

190124 - Netzfrequenz 50,17 Hertz 1

190124 - Netzfrequenz 50,17 Hertz 1

 

„So hätte ich den -Verlauf erwartet (etwas Statistik aus den letzten Jahren). sorgt morgens zum immer für Aussreisser nach oben. Aber nicht so! Vor 6:00 Uhr auch schon sehr zappelig.“

190124 - Netzfrequenz 50,17 Hertz 3

 

Netzfrequenz am 25.01.19

Markus: „Häuft sich in letzter Zeit zum Stundenwechsel, dass die Netzfrequenz nicht meinen statistischen Erwartungen entspricht. Musste für das Bild schon wieder die Skala erweitern. Muss ich jetzt noch die Statistik modifizieren, damit es wieder passt?“

Weitere Analysen von netzfrequenz.info

 

Analysen von gridradar.net

Am Morgen des 24.01.2019 um 0600 Uhr kam es zu einem kurzzeitigen Überschwingen der Frequenz im europäischen Stromnetz. Die über 1 Sekunde gemittelte Frequenz betrug mancherorts kurzzeitig 50,193 Hz, war also nahe der 50,2 Hz Grenze. Diese Grenze ist möglicherweise eine Problematik, die einen Blackout verursachen könnte. Überfrequenzen entstehen, wenn mehr Leistung von Kraftwerken eingespeist wird, als von Verbrauchern in genau diesem Moment abgefragt wird. 

Die Höhe der Frequenzabweichungen war regional unterschiedlich stark ausgeprägt. Den stärksten Ausschlag haben wir an unserer Meßeinrichtung in Wien verzeichnet, wo die Frequenz teilweise auf 50,193 Hz anstieg, an anderen Stationen haben wir in der Spitze rund 50,175 Hz gemessen. Die Ursache für dieses Phänomen kennen wir noch nicht.

 

 

Quelle: www.saurugg.net

Wie bereits vor einem Jahr gehen aktuell die Synchronuhren wieder nach. Am 11.01. waren es bereits 80 Sekunden. Das fing ~24h vor dem 49,8 Hz-Ereignis an. Kurz danach ging es dann langsam
wieder aufwärts. Die aktuelle Netzzeit kann auf www.swissgrid.ch eingesehen werden. Anscheinend speist wieder ein Partner weniger Strom in das europäische Verbundsystem ein, als zugesagt.

Update 14.01.19: Die Abweichung ist bereits wieder auf -20.709 s zurückgegangen. Hier dürfte wohl auch der Schock vom Donnerstag gewirkt haben.

Update 16.01.19: Die Abweichung ist wieder behoben und liegt im 10 Uhr bei ~ 4 Sekunden.

Update 24.01.19: Die Abweichung beträgt wieder über 30 Sekunden.

Update 25.01.19:

Eine sehr interesaante Darstellung bietet auch gridradar.net an. Demnach dürfte dieses Ereignis sehrwohl auch mit dem 10. Jänner zusammenhängen.

190125 - Netzzeitabweichung in Sekunden

 

Quelle: www.saurugg.net

Ob die widersprüchlichen Aussendungen der APA (tt.com) der Glaubwürdigkeit dienen, muss jeder selbst beurteilen. Wie nahe wir wirklich an der Katastrophe waren, ist natürlich immer Auslegungssache. Wenn ich mit 100 km/h auf eine Mauer zufahre und 1 cm davor noch zum Stillstand komme, ist auch nichts passiert. Aber niemand würde behaupten, dass da nichts war. Und so ähnlich würde ich das Ereignis einstufen. Ja, es war alles vorbereitet, damit die Bremsen rechtzeitig greifen. Und wenn man eine Verbrauchergruppe fast so groß wie die Stadt Wien (2.000 MW) abschaltet, damit es nicht noch schlimmer kommt, dann ist das nicht mehr ganz marginal.

Es ist zum Glück nichts passiert. Wir sollten aber die Warnung („schwache Signale„) ernst nehmen. Zu unserem eigenen Schutz!

Kurier-Talk

Quelle: www.saurugg.net